Alex Khomich, 28. Mär, 2023
Als C-Stuhlschiedsrichter im Bayerischen Tennisverband durfte ich bisher überwiegend bei Begegnungen in den Regional- und Bundesligen sowie bei kleineren internationalen Jugendturnieren in Deutschland arbeiten. Im Jahr 2022 konnte ich als Mitglied der DTB-Junior Group wertvolle Erfahrungen sammeln und neue Kontakte mit deutschen Top-Offiziellen knüpfen. Von einem dieser neuen Kontakte erhielt ich im Januar 2023 einen Anruf, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben sollte.
Am Telefon war Norbert Peick, einer unserer Gold-Badge Referees. Norbert erzählte mir von der Youth Officiating Initiative, einem Programm der International Tennis Federation (ITF), zu dem gezielt junge Schiedsrichter:innen aus ganz Europa eingeladen werden, um sich auszutauschen und fortzubilden. Von vornherein war mir klar, dass diese Möglichkeit einmalig sein würde, weshalb ich Norbert gegenüber gleich mein Interesse bekundete. Da die Plätze jedoch sehr knapp waren und ich mich bereits im Herbst 2022 für das Programm beworben hatte und damals nicht ausgewählt wurde, war meine Freude umso größer, als mich einige Wochen später die E-Mail mit der finalen Zusage von Sören Friemel erreichte.
Zum selben Zeitpunkt erhielt ich von Sören weitere Details zu dem Programm, welches in der Woche des ersten März im Rahmen des Tennis Europe Super Category 14&under Turniers in Stockholm stattfinden sollte. Der zuständige Oberschiedsrichter Anders Wennberg schickte allen Teilnehmern eine Übersicht mit den wichtigsten Informationen zur Anreise, zur Unterbringung sowie zum Tagesablauf — und dennoch wusste ich immer noch nicht genau, wie die Zeit für mich in Schweden werden würde.
Am 24.02. begann meine Reise in Richtung Stockholm und nachdem ich im Hotel angekommen war, lernte ich gleich einen 18-jährigen Stuhlschiedsrichter aus der Slowakei kennen, mit dem ich das Hotelzimmer für die nächsten zehn Tage teilen sollte. Bei einem gemeinsamen Abendessen lernten wir uns näher kennen und tauschten uns beide über die eigene Berufserfahrung und das Schiedsrichter-System in unseren Ländern aus. Beim Frühstück am Samstagmorgen trafen wir bereits unsere weiteren Kollegen (aus insgesamt 13 1 Players’ Lounge im KLTK
verschiedenen Ländern) und machten auch Bekanntschaft mit den beiden Referenten der ITF (alle sehr gut an der beigen Stoffhose zu erkennen). Rob Balmforth (Silver Badge aus Großbritannien) und Anis Ressaissi (Bronze Badge aus Tunesien), beide Mitglieder im Developing Team der ITF, würden uns die ganze Woche über begleiten und uns mit wertvollen Tipps und Tricks versorgen. Wenig später ging es für uns alle mit dem Shuttlebus in Richtung Tennishalle, welche in ihrer Art bestimmt eine Seltenheit ist. Das Turnier mit dem Namen „ Kungens Kanna Drottningens Pris 2023“ wurde im „Kungliga Lawn Tennis Klubben“ (KLTK), dem königlichen Tennisclub, durchgeführt. Dieser Club gehört, wie der Name schon unschwer vermuten lässt, offiziell der königlichen Familie und ist unter anderem Austragungsort für die Stockholm Open, ein ATP-250 Turnier, welches im Herbst stattfindet. Die Halle selber ist sehr groß und zudem sehr luxuriös eingerichtet, was auf mich, aus der tiefsten bayerischen Provinz kommend, zugegebenermaßen äußerst beeindruckend und ungewohnt wirkte.
Nachdem uns ein schwedischer Stuhlschiedsrichter eine Führung durch den Club gegeben und den (an eine Wanderung grenzenden) Weg zu den Plätzen sieben und acht gezeigt hatte, trafen wir uns alle im Seminarraum und begannen mit der „Classroom Session“, im Laufe welcher wir unsere Kenntnisse auf dem Gebiet der Tennisregeln, des Verhaltenskodex, sowie der Duties and Procedures vertieften. Ich persönlich lernte dabei völlig neue Interpretationen von Regeln und Abläufen kennen, die mir aus meiner Tätigkeit in Deutschland in diesem Detail nicht bekannt waren. In der Runde kam es immer wieder zu Diskussionen und Fragen, die mein Wissen erneut sehr bereichert haben. Am Ende des Tages erhielten wir alle eine ITF-Schiedsrichtertasche; meine Teilnahme an dem Programm hatte sich also schon zu diesem Zeitpunkt mehr als gelohnt.
Am Montag fand während der Hauptfeld-Matches für jeweils eine Hälfte unserer Gruppe ein Meeting mit zwei Vertretern der International Tennis Integrity Agency (ITIA) statt, in dem wir über die Wichtigkeit von Integrität und Ehrlichkeit als Schiedsrichter im Tennis aufgeklärt wurden. Uns wurde aufgezeigt, mit welchen Methoden insbesondere Wettanbieter arbeiten, um auf verbotene Art und Weise Profit aus Tennismatches zu schlagen und wie wir als Offizielle diesem Verhalten entgegentreten können. Für alle von uns war diese Thematik sehr neu, allerdings auch im Bezug auf unsere zukünftigen Karrieren sehr spannend und bereichernd.
Aber selbstverständlich kann ein Schiedsrichter nur dann gut sein, wenn er nicht nur die Regeln kennt, sondern diese auch auslegen und vor allem auf dem Platz richtig anwenden kann. Daher begannen wir bereits am Sonntag damit, echte Matches im Rahmen des Turniers zu schiedsen. Für mich war es das erste Turnier, welches nicht auf Sand gespielt wurde — die entsprechende Nervosität konnte ich aber (nicht nur) durch das gute Zureden von Rob nach den ersten gespielten Punkten überwinden.
Doch nicht nur ich fühlte mich immer sicherer und wohler auf dem Stuhl und in dem Programm, sondern auch die anderen Kollegen kamen immer mehr rein sodass eine Gruppe aus 17- bis 23-Jährigen, die am Samstag noch etwas zögerlich und schüchtern im Seminarraum Platz genommen hatten, immer mehr aufblühte.
Wir begannen untereinander auch über Dinge, die nichts mit Tennis zu tun hatten, zu sprechen und verbrachten nach dem letzten gespielten Punkt auch noch weitere Zeit zusammen, egal ob beim gemeinsamen Abendessen oder im (eigentlich für Spieler gedachten) Lounge-Bereich im Hotel. Die immer besser werdende Gruppendynamik erreichte ihren Höhepunkt am Donnerstagabend, als wir gemeinsam mit unseren beiden Referenten unser Können beim Bowling unter Beweis stellen durften. Für die besten von uns winkten im Anschluss sogar lukrative Preise.
Zum Ende der Woche wurden die Matches beim Turnier immer spannender und auch schwieriger, weshalb bei den Halbfinals am Freitag jeder von uns auch als Linienrichter tätig war und einige Teilnehmer sogar die Ehre hatten, mit einem Linienrichter ein Match zu schiedsen. Für mich waren diese beiden Erfahrungen auch sehr neu, aber durch eine sehr gute Vorbereitung seitens unserer Referenten konnte ich mich schnell eingewöhnen und fand erneut großen Spaß an der Tätigkeit.
Während der gesamten Woche wurden wir bei den Matches von unseren Referenten Rob und Anis beobachtet und erhielten nach jedem Einsatz ein Feedback zu unserer Arbeit. Dabei thematisierten die beiden nicht nur eventuelle grobe Fehler, sondern machten uns auch aufmerksam auf die Feinheiten und Details beim Arbeiten auf dem Platz, die einen guten Offiziellen ausmachen. Diese sehr konstruktive Rückmeldung versuchten alle Teilnehmer sofort in ihren nächsten Matches umzusetzen, was vielen auch sehr gut gelang — es kann also gesagt werden, dass sich das Schiedsen bei den meisten in diesen zehn Tagen massiv verbessert hat.
Und so neigte sich an diesem Freitagabend die Youth Officiating Initiative ihrem Ende entgegen und unter den Teilnehmern und Referenten machte sich bereits eine etwas traurige Abschiedsstimmung breit. Einige von uns hatten die Rückflüge in ihre Heimatländer bereits für den Samstagmorgen gebucht, jedoch erhielten einige Schiedsrichter und ich vom Turnier die Möglichkeit, eine weitere Nacht im Hotel zu verbringen, um Stockholm etwas zu erkunden. Diese Möglichkeiten nutzten wir sehr gerne und verbrachten einige schöne Stunden in Schwedens (sehr kalter und windiger) Hauptstadt, in denen wir unter anderem den Königspalast, die Altstadt und das Abba-Museum besichtigten.
Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen, dass diese zehn Tage in Stockholm nicht nur für meine berufliche Tätigkeit, sondern auch für mich privat eine enorme Bereicherung dargestellt haben. Ich danke allen Kollegen, die diese Veranstaltung so besonders gemacht haben und insbesondere auch unseren beiden Referenten Rob und Anis, die durch ihre Fachkompetenz und ihre Hingabe jeden einzelnen von uns bestmöglich unterstützen konnten. Und selbstverständlich bedanke ich mich auch ganz herzlich beim Deutschen Tennisbund, vertreten durch Sören, Norbert und Patrick, dafür, dass mir die 4 Altstadt von Stockholm Teilnahme an diesem großartigen Programm angeboten wurde und dass ich daran teilnehmen durfte. Ich freue mich sehr, mein erlerntes Wissen in der kommenden Saison umzusetzen und, vor allem im Hinblick auf das B2-Seminar im Herbst, weiter auszubauen.




