Erfahrungsbericht – ITF Youth Initiative Stockholm 2024

Paul Wobker, 06. Mär, 2024

Durch meine Teilnahme an der Junior Group 2023 erhielt ich die Möglichkeit, mich für die ITF Youth Officiating Initiative zu bewerben. Ich sah diese Initiative direkt als große Möglichkeit und es dauerte nicht lange, bis meine Bewerbung abgeschickt war.

Anfang Januar erhielt ich von Sören erfreulicherweise die lang ersehnte E-Mail mit der Bestätigung der Selektion. Kurz
darauf erreichten mich weitere Informationen über das Event und der Flug nach Stockholm wurde zeitnah gebucht, um die Reisekosten möglichst gering zu halten.

Da es der erste Schiedsrichtereinsatz im Ausland für mich gewesen ist, war ich auch dementsprechend leicht nervös und ich informierte mich bei ein paar Kollegen, die ebenfalls zu einem früheren Zeitpunkt Teil des Projekts waren. Durch  ausschließlich positive Rückmeldungen stieg die Vorfreude von Tag zu Tag und ich konnte es kaum abwarten.

Zwei Wochen vor Beginn des Turniers meldete sich der „Officiating Coordinator“ des Turniers Anders Wennberg bei mir und informierte alle Teilnehmer über die wichtigsten Informationen für Anreise, Hotel, Ablauf und lieferte alle sonstigen relevanten Informationen. Ein paar Tage später meldeten sich dann auch unsere Coaches aus dem ITF Development Team Anis Ressaissi (Bronze Badge aus Tunesien) und Robert Balmforth (Silver Badge aus Großbritannien) bei allen Teilnehmern mit den finalen Informationen.

Los ging es jedoch für mich am 23.02.2024 am Frankfurter Flughafen. Nach einem relativ kurzen Flug von unter zwei Stunden war ich nun endlich da und die Freude war groß. In Stockholm angekommen ging es mit dem Airport Bus direkt vor das Hotel. Im Zimmer
erwartete mich bereits der deutsche Kollege Luis Sabrowski, mit dem ich mir diese Woche ein Zimmer teilte. Den Abend nutzen wir, um Stockholm ein bisschen kennenzulernen, da wir bereits befürchteten, dass dies unter der Woche schwierig werden würde.

Am nächsten Tag stand erst einmal Theorie auf der Tagesordnung, aber was natürlich nicht fehlen durfte, war erstmal ein vernünftiges Frühstück! Dort traf ich dann schon die beiden Coaches, welche an ihrem ITF Officiating Poloshirt nicht zu übersehen waren, man stellte sich kurz vor und dann ging es auch schon im Bus zur Anlage, wo ich die ersten Bekanntschaften mit den weiteren Teilnehmern machte. Es gab viele Gesprächsthemen wie unsere Erfahrungen als Schiedsrichter, die Handhabung von Schiedsrichtern in anderen Ländern und natürlich auch private Interessen. Nach Ankunft auf der Anlage begann der Tag mit einer kleinen Führung durch den Tennisclub der königlichen Familie namens „Kungliga Lawn Tennis Klubben (KLTK)“, welcher, wie der Name vermuten lässt, auch ziemlich edel eingerichtet war und (inklusive des Center-Courts) über 15 Plätze verfügt, aber gleichzeitig auch als Austragungsort eines ATP 250 Turniers dient.

Das Turnier, bei welchem die Kollegen und ich arbeiten durften, war ein Tennis Europe U14 der Super Category, also der höchsten Klasse, genauso wie das deutsche Event in Düren. Alle Officials erhielten alle zuerst einmal ein Sweatshirt der Marke Gant als Uniform für diese Woche. Wenig später fanden sich alle im Seminarraum ein und wir begannen mit einer Theorie Session, welche überwiegend von den ITF Rules of Tennis, dem Code of Conduct und den Duties und Procedures handelte. Durch viele Videos aus der Praxis wurden die stumpfen Regeln ein bisschen lockerer und teils auch verständlicher an uns weitergegeben. Da insgesamt 14 Kollegen aus verschiedensten Ländern vor Ort waren und alle unterschiedliche Wissensstände in der Theorie hatten, gab es viele Diskussionen während des Classroom-Days und man merkte doch, dass die deutsche Ausbildung uns einen Vorteil gegenüber anderen verschafft hatte. Alle Teilnehmer erhielten als Belohnung für einen intensiven Tag voller Regeln eine ITF Officiating Tasche und inzwischen war es auch Zeit für den Rückweg, da alle sehr erschöpft waren.

Am Sonntag ging es nun dann endlich auf den „Bock“. Viele der Kollegen waren sehr nervös, da sie nicht gewohnt waren, dass sie jemand beim Schiedsen beobachtete. Damit hatte ich weniger zu kämpfen, dafür umso mehr damit den Turniernamen „Kungens Kanna & Drottningens Pris“ vernünftig auszusprechen sowie Ansagen nur auf Englisch zu machen. Einmal war ein dickes null-fünfzehn, love-fifteen unvermeidbar! Nachdem jeder nur ein Match hatte, ging es am Abend nochmals in die Stadt, wo ich mit anderen Kollegen den Abend habe ausklingen lassen.

Am Montag stand für uns alle ein langer Tag auf dem Programm, da das der erste Hauptfeld Tag war und am Abend die Eröffnungszeremonie stattfand, wovon wir ebenfalls ein Teil sein sollten. Die Hälfte unserer Gruppe hatte vor dem Beginn der Matches ein Meeting mit zwei Vertretern der International Tennis Integrity Agency (ITIA), die Luis und ich bereits von einem Turnier aus Renningen kannten, in dem wir über die Wichtigkeit der Integrität und der Pflichten aber auch Gefahren als Schiedsrichter im Tennis aufgeklärt wurden. Wir wurden von Rob und Anis auch besonders dazu aufgefordert, Matches der Kollegen anzuschauen, um auch uns gegenseitiges Feedback zu geben, aber auch Fragen untereinander zu stellen. Nach meinen Matches ging es immer in eine Besprechungsrunde, wobei ich immer sofort Feedback von Rob, der mich die Woche über evaluieren sollte, bekam und auch Lob erhielt, wenn ich dieses direkt im nächsten Match umsetzte.

Nachdem ich mit den Kollegen an den ersten Abenden die Stadt ein wenig besichtigt hatte, waren wir unter der Woche teils sehr erschöpft, da wir pro Tag bis zu drei Matches gemacht haben, dennoch haben wir die Abende trotzdem im Team entweder an der am Hotel angrenzenden Bar, oder in der Lobby im Hotel beim Kartenspielen verbracht. Da alle unterschiedliche Kartenspiele aus ihrer Heimat kannten, mussten wir am Ende doch auf Uno zurückgreifen, damit der Abend friedlich verlief. Man merkte direkt nach den ersten zwei Tagen, dass unsere Truppe aus ungefähr Gleichalterigen sich immer mehr zusammengeschweißt hat und wir einen außergewöhnlichen Teamgeist entwickelt haben.

Am Mittwoch war leider schon der vorletzte Tag für Luis und mich. Wir mussten nur noch zwei Matches schiedsen, wodurch die Matches auch etwas früher vorbei waren. Zudem sollten wir am Abend in Gruppen aus jeweils zwei Leuten Szenen aus Matches der Challenger Tour anschauen, einen Code Violation Report ausfüllen und im Nachhinein über diesen diskutierten und ihn optimierten.

Donnerstag ging es morgens ein letztes mal zum Frühstück, da wir leider früher als die anderen Teilnehmer abreisen mussten, um am Freitag schon beim B1-Seminar in Wetzlar dabei sein zu können. Wir starteten also direkt mit den Matches in der ersten Runde und schiedsten noch ein weiteres Match wenige Zeit später. Mit der Ansage „Game, Set and Match“ war nun klar: Das war’s! Anschließend ging es in ein Abschlussgespräch mit meinem Evaluator. Er betonte nochmals, dass Feinheiten im Match den entscheidenden Unterschied machen können. Viel Zeit blieb bis zum Abflug nicht mehr, also verabschiedete ich mich von allen Kollegen, dem Ref- und dem Staff-Team und es ging per Uber zum Flughafen. Die Stimmung war ein bisschen gedrückt, da es mein erster Auslandsaufenthalt als Schiedsrichter war und wahrscheinlich immer in der Erinnerung bleiben wird.

Alles in einem muss ich sagen, dass ich sehr dankbar dafür bin, dass ich ein Teil dieser besonderen Youth Initiative sein durfte. Meine Fähigkeiten auf dem Stuhl haben sich durch intensives Feedback von unseren Referenten Anis und Rob und durch ständiges Lernen immens verbessert und auch die Kontaktfindung mit Kollegen aus anderen Ländern war ein ganz besonderer Teil der Woche, nicht zuletzt, da man sich jetzt untereinander bei Turnierbewerbungen aushelfen kann und somit hoffentlich noch die Möglichkeit hat, seine internationalen Kontakte noch weiter auszubauen. Des Weiteren würde diese Veranstaltung aber auch ohne die ITF in Zusammenarbeit mit dem Schwedischen Tennisverband nicht existieren, was eine hohe Wertschätzung gegenüber uns jungen Officials zeigt und eine große Bereicherung für unserer Karrieren ist.

Abschließend möchte ich mich herzlichst bei der DTSV und Sören, Norbert und Patrick bedanken, die mir ermöglicht haben, an einem so einzigartigen Programm teilnehmen zu dürfen. Nicht zu vergessen ist aber auch der Hessische Tennisverband, der mich trotz Verbandsfremdheit bei fast allen ihrer Turniere einsetzt. Danke dafür!

Ich freue mich, im Sommer auf der ITF Future Ebene erste Erfahrungen sammeln zu können und blicke mit Zuversicht auf eine tolle Sommersaison 2024!

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